JA 

die neue Kirchenzeitung

28. März 2021

Sag mir, wer deine Freunde sind 

Sag mir, wer deine Freunde sind, und ich sag dir, wer du bist. 

Dieser Spruch steht nicht in der Bibel, ist dennoch gottgewollt. Meint man in St. Pölten, dessen Bischof  auch schon danach gefragt worden sein soll. 

Deshalb ist das auch ein zentrales Anliegen bei der sogenannten „Pfarrvisitation Neu“. 

Manche Pfarrer in der Diözese sind darob ratlos. 
Sie sollen nämlich dem Dechant, der diese Informationen dann dem Bischof weiterzuleiten hat, über ihre „Lebensgestaltung“ berichten -  welches Gebetsleben sie führen, zu wem sie Kontakte pflegen und wer zu ihrem Freundeskreis zählt. 
Keine Angst!
Ersteres geht nämlich nur den Beichtvater etwas an. 

  

Zum Übrigen eine kleine Anregung, was man zu Papier bringen kann:.
Kontakte pflegen Sie am innigsten zu Papst und Bischof. Sie denken an beide täglich bei deren Nennung in der Messe. 

Freundeskreis? Da ist das erste Hochgebet hilfreich. 
Nennen Sie einfach die darin erwähnten besten Freunde: „vor allem Maria, die glorreiche, allzeit jungfräuliche Gottesmutter, ihren Bräutigam den Hl. Josef und die Apostel und Märtyrer Petrus und Paulus, Andreas, Jakobus, Johannes, Thomas, Jakobus, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Simon und Taddäus, Linus, Kletus, Klemens, Xystus, Kornelius, Cyprianus, Laurentius, Chrysogonus, Johannes und Paulus, Kosmas und Damianus.“ 
Die beiden letzteren waren übrigens Ärzte, die ihre Kranken hervorragend und kostenlos behandelten. Solche Leute bräuchten heute viele Menschen – selbst in gehobener Position.                                                                                   P. Udo 

Österreich: Bischöfe segnen homosexuelle Paare

Kardinal Schönborn: „Ehrliche Bitte um Segen nicht verweigern“

Das Vatikan-Papier zu Segnungen homosexueller Paare hat in Österreich und Deutschland unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Bislang hat sich noch kein österreichischer Bischof hinter das Vatikan-Dekret gestellt, im Gegensatz zu mehreren in Deutschland.

Kardinal Christoph Schönborn zeigte sich im Interview mit Kathpress und den Medien der Erzdiözese Wien („Der Sonntag", „Radio klassik Stephansdom") „nicht glücklich" über die Vatikan-Erklärung. Er verstehe, dass sich viele Menschen von der Erklärung verletzt fühlen würden. 

In der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sei nur ein „Nein", so der Kardinal. „Und zwar ein 'Nein' zum Segen; und das ist etwas, was viele Menschen zuinnerst verletzt." Dass hinter dem Anliegen der Erklärung auch ein positives Anliegen im Blick auf die sakramentale Ehe gefunden werden kann, sei hingegen völlig untergegangen.

Gleiche Kategorie wie Partnerschaften ohne Trauschein

Die Frage, ob man gleichgeschlechtliche Paare segnen kann, gehöre in die gleiche Kategorie wie die Frage, ob dies bei Wiederverheirateten oder Partnerschaften ohne Trauschein möglich ist. Und hier sei seine Antwort relativ einfach, so der Kardinal: „Wenn die Bitte um den Segen keine Show ist, also nicht nur eine Art Krönung von einem äußerlichen Ritual, wenn die Bitte um den Segen ehrlich ist, es wirklich die Bitte um den Segen Gottes für einen Lebensweg ist, den zwei Menschen, in welcher Situation auch immer, zu gehen versuchen, dann wird man ihnen diesen Segen nicht verweigern." 

Als Priester oder Bischof…

sage er: „Das ganze Ideal habt ihr nicht verwirklicht. Aber es ist wichtig, dass ihr euren Weg auf der Basis menschlicher Tugenden lebt, ohne die es keine gelungene Partnerschaft gibt. Und das verdient einen Segen." Ob die richtige Ausdrucksform dafür eine kirchliche Segnungsfeier ist – „darüber muss man gut nachdenken".

Schönborn hielt fest, dass ein Segen nicht die Belohnung für Wohlverhalten sei, „sondern eine Bitte um Schutz, um Hilfe von oben". Oft würden ihn Menschen um einen Segen bitten. „Manchmal passiert es mir sogar auf der Straße, dass mich Leute um einen Segen bitten. Dann frage ich natürlich nicht zuerst genau nach ihren Lebensverhältnissen und ihrer Lebenssituation, sondern ich gebe ihnen gerne diesen Segen, weil diese Menschen offensichtlich spüren: Ohne den Segen Gottes ist das Leben noch viel ausgesetzter, als es sowieso schon ist."

„Eine Mutter wird den Segen nicht verweigern"

Er gehe letztlich von einer sehr einfachen Beobachtung aus, erläuterte der Wiener Erzbischof: "Viele Mütter segnen ihre Kinder. Meine Mutter macht es immer noch bis heute. Ich gehe nicht weg von Zuhause, ohne dass sie mich segnet. Eine Mutter wird den Segen nicht verweigern, auch nicht, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter Lebensprobleme hat. Im Gegenteil."

 

Auch der Kärntner Bischof Josef Marketz würde gleichgeschlechtlichen Paaren jederzeit einen Segen erteilen, „ihnen dieses gute Wort zusprechen, für sie und deren Leben". Im Interview mit der „Kleinen Zeitung“ betonte er: „Gleichgeschlechtliche Paare sind nicht Christen zweiter Klasse. Sie leben auch Freundschaft, Liebe und Verantwortung und haben dafür auch einen Segen verdient“.

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler betonte gegenüber dem ORF: „Man kann nie genug segnen. Denn Segnen bedeutet, jemandem etwas Gutes zuzusprechen und im Leben der Menschen entdecken, dass sich Gott schon in deren Leben eingeschrieben hat." 

Der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl ist vom jüngsten Vatikan-Entscheid enttäuscht: „Das wirft gar kein gutes Licht auf unsere Familienarbeit und bringt viel Enttäuschung".

 

In Deutschland…

… übte der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, Kritik. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki verteidigte hingegen wie mehrere andere Bischöfe die Erklärung.

Unter katholischen Theologen und Seelsorgern in Deutschland wächst der Unmut. Eine von einer Arbeitsgruppe an der Universität Münster erarbeitete Stellungnahme unterzeichneten inzwischen mehr als 200 namhafte Professorinnen und Professoren. Dazu zählen der Dogmatiker Georg Essen von der Humboldt-Universität Berlin, der 92-jährige Peter Hünermann, Julia Knop und Gregor Maria Hoff, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Dogmatik und Fundamentaltheologie, der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf und der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann.

Dem Papier aus dem Vatikan mangle es an theologischer Tiefe, heißt es in der Stellungnahme. Der Text sei zudem von einem „paternalistischen Gestus der Überlegenheit" geprägt und diskriminiere homosexuelle Menschen und ihre Lebensentwürfe

Keine Osterruhe in der Diözese St. Pölten

Prominente Theologen äußerten in den vergangenen Tagen heftige Kritik an den besorgniserregenden Entwicklungen in der Diözese St. Pölten.

Die Wiener Universitätsprofessoren Paul Michael Zulehner (81), international höchst angesehener Pastoraltheologe, und Hans Schelkshorn (60) , Vorstand des Instituts für Christliche Philosophie, forderten am 23. März: „Synodalität verlangt respektvollen Dialog“.
Der 2008 von Bischof Klaus Küng zum Bischofsvikar für Pastorale Dienste, derzeit Geistlicher Leiter  derselben, ernannte Pastoraltheologe Gerhard Reitzinger informierte seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über seine Bischof Alois Schwarz  übergebene Auflistung „Die Misere STP", in denen er 15 Defizite des bisherigen "Organisationsentwicklungsprozesses" zusammenfasste.
Der Schulamtsleiter Josef Kirchner will sein Amt zur Verfügung stellen. Er ließ seinen Religionslehrerinnen und Religionslehrer ein Rundschreiben zukommen.

Bischof Schwarz will die Diözese St. Pölten zu einer „Erlebniswelt der Frohbotschaft“ machen

In der Vorwoche hat Bischof Alois Schwarz ein Rundschreiben veröffentlicht, das von JA vollinhaltlich wiedergegeben wurde. Es findet sich bislang nicht auf der offiziellen Website der Diözese St. Pölten.
Auch nicht im jüngst publizierten „Diözesanblatt“ 2021/ Nr. 2. In seiner darin veröffentlichten Osterbotschaft  lädt Bischof Schwarz ein, über Strukturgrenzen in unseren Köpfen hinweg die Möglichkeit zur Erneuerung unserer Diözese im Blick und im Vertrauen auf Jesus von Nazareth neu zu entdecken. "Tragen Sie bei, dass unsere Diözese zu einer Erlebniswelt der Frohbotschaft, der Hoffnung, des Wachstums und der Lebendigkeit und des guten Willens werden kann, damit auch andere die Lust bekommen, lebendige Teile dieser Kirche zu werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest und eine Osterzeit der Erneuerung!“
Die  vom „Niederösterreichischen Pressehaus“ – es befindet sich zu 54 Prozent im Besitz der Diözese – herausgegebenen „Niederösterreichischen Nachrichten“ – sie erscheint in 28 Regionalausgaben – berichteten wenige Tage nach JA, jedoch kürzer.

Kirchenrechtler korrigiert: Nicht Kirchenrecht, sondern Staatsrecht schützt den Bischof 

Unabhängig von den Umstrukturierungen in der Diözese St. Pölten äußerte sich ein Kirchenrechtler in den „Salzburger Nachrichten“ (27.3.2021) zur Einstellung der Untreue-Ermittlungen gegen Schwarz. Dessen Reaktion mache ihn „fassungslos", so der emeritierte Universitätsprofessor Richard Potz (77) von der Universität Wien. 

Prof. Potz: „Die Feststellung der Staatsanwaltschaft ist im Ergebnis richtig, aber die Begründung passt nicht. Das Konkordat spielt da keine Rolle, weil der Schutz innerkirchlicher Angelegenheiten für alle in Österreich anerkannten Religionsgemeinschaften gilt.“ Bischof Schwarz werde nicht durch kirchliches Recht, sondern durch das staatliche Religionsrecht geschützt. 

 

Die Misere des Entwicklungsprozesses                          in der Diözese St. Pölten 

Aus der Perspektive der (Geistlichen) Leitung der Pastoralen Dienste, von Beginn an (Juni 2020) bis jetzt (März 2021). Eine Dokumentation des Unsagbaren und der Ohnmacht.

1. Es wurden KEINE Räte, Gremien und Berufsgemeinschaften damit befasst. Weder Domkapitel, Konsistorium, Priesterrat, Dechantenkonferenz, Pastoralrat noch Berufsgemeinschaften der PastoralassistentInnen und Diakone oder Ehrenamtliche z.B. Katholische Aktion befragt oder informiert.

2. Es wurden KEINE angemessenen, verlässlichen Informationen über den Verlauf mitgeteilt. Es wurden keine schriftlichen Dokumentationen über Ziele, Vorgangsweise und Fortschritt (Zwischenschritte) kommuniziert.

3. Es wurde KEIN Zeitplan vorgelegt. Das Fehlen einer zeitlichen Perspektive hat bei MitarbeiterInnen Ungewissheit, Ängste, Ohnmacht und Grant erzeugt.

4. Es war KEIN geistlicher Impuls im ganzen Verlauf erkennbar. Die Begleitung durch Gebet, spirituelle Impulse und geistliche Verbundenheit war nicht von Bedeutung und nicht spürbar.

5. Es gab KEIN Zukunftsbild der pastoralen Ausrichtung/Zielsetzung in der Diözese. Dennoch wurden strukturelle Veränderungen in diözesanen Zentralstellen in Gang gesetzt.

6. Es wurde KEIN schriftliches Organigramm kommuniziert, das als Grundlage für bereits eingeleitete Strukturveränderungen dient.

7. Es gab KEINE direkte, unmittelbare, persönliche Kommunikation mit betroffenen Personen und Abteilungen z.B. Leitungsteam der Pastoralen Dienste, mit dem Geistlichen Leiter, z.B. Bereichsleiter und betroffenen MitarbeiterInnen, z.B. ehrenamtlichen MitarbeiterInnen etc.

8. Es gab KEINE transparente Kommunikation bezüglich Beraterfirma (BOLD, Hr. Neumann und Fr. Kreiner). Auftrag, Dauer, Kosten wurden verschwiegen. Einer Firma ohne Erfahrung bzw. ohne Kenntnis kirchlicher Vorgänge wurde offensichtlich mehr Vertrauen geschenkt als Verantwortungsträgern und Mitarbeitern innerhalb der kirchlichen Strukturen.

9. Es wurden KEINE Möglichkeiten geschaffen, wie diözesane, gewachsene Strukturen an der Entwicklung teilnehmen hätten können. Es war kein Interesse an den vorhandenen Ressourcen und Erfahrungen erkennbar. Z.B. Zwischenberichte mit Möglichkeit der Stellungnahme, Z.B. Ideenpool für Zukunft, Z.B. Begutachtungsmöglichkeiten und offene Rückmeldungen etc.

10. Es gab KEINE Möglichkeit der Beteiligung durch den Geistlichen Leiter der Pastoralen Dienste. Er wurde lediglich zu Beginn zu einem Gespräch geladen, welches keine klare Fragestellung oder Ausrichtung hatte.

11. Es gab KEINE Möglichkeit der aktiven Partizipation durch MitarbeiterInnen. Es wurden nur ausgewählte Personen in Teilprojektgruppen aufgenommen, die mit einem „Schweigegebot nach außen“ belegt wurden. Sogar die Teilprojektgruppen wurden nur zögerlich oder gar nicht informiert z.B. wer sonst noch dabei ist.

12. Es gab KEIN Interesse an den Menschen und an einem wahrhaftigen Miteinander in der Diözese. Vielmehr verhärtete sich der Eindruck, dass es einen Plan des Bischofs gibt, der jetzt umgesetzt wird. Verletzungen, Verwundungen und Beschädigungen, die durch das jetzige Verhalten der Diözesanleitung erfolgen, werden als Befindlichkeiten abgetan.

13. Es gab KEINE Willkommenskultur bei den Treffen (so wurde von beteiligten Personen berichtet). Z.B. beim 1. Treffen „Kick-off im Juni“ keine Vorstellrunde, z.B. bei Videokonferenzen mit neuen Personen wurden diese nicht vorgestellt, z.B. kein Interesse, dass jede/r einmal zu Wort kommt. Die Firma BOLD hat diesbezüglich völlig versagt.

14. Es gab KEIN Verständnis für die Corona-Pandemie. Es war absehbar, dass viele notwendige (unerlässliche) Begegnungen gar nicht möglich sein werden. Physische Begegnungen und Versammlungen - wie sie für Veränderungsdynamiken unbedingt erforderlich sind - wurden nicht abgehalten.

15. Es gab KEIN Konzept und keine Strategie für die neuen Ressorts, z.B. “Regionen und Pfarren“. Bei der Anfrage für die Ressortleitung war eine Überschrift vorhanden aber kein Rohkonzept für pastoral-seelsorgliche Inhalte, für Strategie, für Ressourcen, für das, was Leitung des Ressorts bedeutet. Wer kann ohne Klärung der Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen auf so eine Anfrage eine verantwortungsvolle Entscheidung, ein angemessenes JA für diese Aufgabe treffen?

St. Pölten, am 17. März 2021
Zusammenstellung von Gerhard Reitzinger

 

Hans Schelkshorn und Paul M. Zulehner:                                                

Zu den Entwicklungen in der Diözese St. Pölten 

Er war mit Vorschusslorbeeren aufgenommen worden. Seine Zuhörenden begeistert er durch biblisch fundierte Predigten. Er versteht sich mit Leuten aus der Bischofskongregation bestens und kann dort – an Nuntius und Kardinal vorbei – seine Anliegen auf direktem Weg regeln.
Im Kurier hat er mit Martin Gebhart, den er aus Krumbach kennt, einen ihm wohlgesonnenen Berichterstatter. Seine Kontakte zu den Mächtigen in Politik und Wirtschaft sind vorzüglich. Die besten Voraussetzungen also für einen Neustart. Die Rede ist von Bischof Alois Schwarz, der gegen seinen erklärten Willen von Kärnten nach Niederösterreich versetzt worden ist.
In den letzten Wochen hat uns jedoch eine Flut an verzweifelten Stimmen erreicht, die uns zutiefst erschüttert hat. Ehren- und hauptamtliche MitarbeiterInnen, die sich seit Jahrzehnten mit all ihren Kräften für die Diözese St. Pölten einsetzen, sehen – ihrem Empfinden nach – im autoritären Vorgehen von Bischof Schwarz bei der Durchsetzung eines neuen Strukturplans eine gefährliche Demontage der Diözese, mit unabsehbaren Folgen für die Kirche in Österreich.
Da Bischof Alois Schwarz im Kurier und zuletzt in seinem Brief an die Mitarbeitenden in der Diözese bereits selbst in der Öffentlichkeit das Wort ergriffen hat, schien es uns angebracht, im Sinne eines „audiatur et altera pars“ mit Sachverstand, und ohne den gebotenen Respekt und die Liebe zu verletzen, eine alternative Sichtweise vorzulegen, die sich auf genaue Recherchen stützt.

Hoffnung auf Neustart

Bischof Kurt Krenn war nicht gerade ein Segen für die Diözese St.Pölten. Auch bestätigte sich, dass es nicht weise ist, einen Visitator, der in dieser Aufgabe vertrauliche Kenntnisse erworben hat, zum Nachfolger des Visitierten zu machen. Bischof Klaus Küng hat sich redlich um eine versöhnende Dynamik bemüht; auf Grund seiner Befangenheit in diesem Rollenkonflikt und der schwierigen diözesanen Vorgeschichte war ein heilendes Wirken jedoch kaum möglich. So war die Erwartung in der Diözese an Bischof Alois Schwarz groß. 
Dies konnte auch leicht geschehen, weil niemand wirklich informiert war, was in Kärnten los war und warum es zu dieser „Strafversetzung“ gekommen war. Erst später erschienen einschlägige Informationen in der Kleinen Zeitung und in News. Aber selbst diese nicht ermutigenden Nachrichten änderten nichts an der Bereitschaft in der Diözese, dem Bischof einen Neustart zu ermöglichen.
Es schien anfangs gut anzulaufen. Mit Hilfe des Engagements des Direktors der Pastoralen Dienste wurde ein Diözesanrat eingerichtet. Unter der Leitung von Bischof Alois entstand zudem ein Gremium, das mit vier Mitgliedern aus dem Konsistorium, drei Laiendirektoren und drei Frauen die Diversität, aber auch die erhoffte Synodalität der Diözese abbildete. Als Nachdenkgremium sollte es den Bischof in pastoralstrategischen Überlegungen beraten und begleiten. Dieses Gremium wurde zum internen Symbol für einen vertrauensvollen Neustart von Bischof Alois Schwarz.

Und dann kam ein Alleingang

Während des ersten Lockdowns im März und April 2020 war dann Bischof Alois sechs Wochen auf Tauchstation. Als er wieder auftauchte, ging es Schlag auf Schlag. Der Bischof hatte ohne jegliche Absprache die Firma „BOLD“ mit dem Unternehmensberater Robert Neumann[1] beauftragt, für die Diözese eine neue „flache“ Organisationsstruktur zu entwerfen. Der Vertrag mit der Firma wird selbst vor dem Konsistorium und anderen relevanten Gremien und engsten Mitarbeitenden streng geheim gehalten: Die Kosten werden auf 70-150.000 Euro geschätzt. Die Firma Neumann – in Kärnten ansässig – besitzt kein ausgewiesenes theologisches Knowhow:
„Einer Firma ohne Erfahrung bzw. ohne Kenntnis kirchlicher Vorgänge wurde offensichtlich mehr vertraut als Verantwortungsträgern und Mitarbeitern innerhalb der kirchlichen Strukturen“, so heißt es in einem uns vorliegenden Positionspapier. Die Firma führte Gespräche mit 50 Personen zur Diagnose.

BOLD lieferte einseitigen Defizitbericht

Herauskam, so bewerten es diözesaneigene Kenner der Organisationsentwicklung, ein reiner Defizitbericht, mit dem später die Filetierung der Pastoralen Dienste begründet wurde. Mit einer geplanten Verflachung der Organisation soll die weitgehende Eigenständigkeit der Pastoralen Dienste reduziert, die Leitung dieser größten Dienststelle der Diözese abgeschafft und diese direkt dem Bischof und dem Generalvikar untergeordnet werden.
Den bisherigen Leiter Hans Wimmer informierte der Bischof einen Tag vor der Präsentation des Organigramms vom Auslaufen seiner Funktion in den Pastoralen Diensten. Der geistliche Leiter des Hauses in der Klostergasse, Gerhard Reitzinger, wurde von dieser Enthebung nicht informiert.
Von vielen engagierten ehren- wie hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Diözese wird Direktor Wimmer in den mittlerweile drei Jahren der Amtszeit des Bischofs als vertrauensvoller und loyaler Weggefährte von Alois Schwarz beschrieben. Es gab nach den vielen Kontakten zwischen der Leitung der Pastoralen Dienste und dem Bischof dem Vernehmen nach nie ein Zerwürfnis.

Es meldet sich Widerstand

In einem Brief vom 5. Juni 2020 informierte der Bischof die MitarbeiterInnen der Diözese über den Beginn des OE Prozesses. Darin beschreibt er, dass in den zwei Jahren seines Wirkens die Diskussions- und Begegnungskultur mit der Einrichtung dreier Gremien gestärkt wurde. Er meinte damit den Diözesanrat, den Pastoralrat und die Frauenkommission. An allen drei Gremien war der Direktor der Pastoralen Dienste Johann Wimmer maßgeblich förderlich beteiligt.
Nachdem Mitglieder des Lenkungskreises massive Kritik an der Beraterfirma geübt hatten, setzte Bischof Schwarz kurzerhand den Lenkungskreis ab und führte diesen in einen diözesanen Führungskreis über, dessen Auftrag es ist, die Ergebnisse des Prozesses umzusetzen.
Die Expertise einer Teilprojektgruppe zum Thema „Organisation und Struktur“ war mit den Überlegungen des Bischofs und seiner Beraterfirma nicht kompatibel, daraufhin löste der Bischof auch diese Teilprojektgruppe auf.

Ein Zukunftsprozess des Bischofs für die Diözese

In einem KURIER-Artikel vom 13. März lässt der Bischof ausrichten, dass mit dieser Strukturreform die Doppelgleisigkeiten zwischen den Pastoralen Diensten und dem Domplatz abgeschafft würden. Am 19.3.2021 erläuterte und konkretisierte der Bischof in einem Brief an alle Mitarbeitenden des Bistums die „Zielsetzung des Zukunftsprozesses“, die er in „allen Gesprächen, Terminen, Treffen, sowohl physisch als auch digital, immer wieder wiederholt“ hat, und fügte an: „Mir ist es wichtig, hier in der Diözese kirchliche Strukturen zu ermöglichen, die aus der Beziehung der einzelnen Menschen zu Gott ihren Auftrag haben.“
Als der spätere Erzbischof Georg Eder noch als Pfarrer von Altenmarkt den wenigen Bewohnern in Zauchensee eine schmucke kleine Holzkirche gebaut hatte, traf ich [pmz] einen Gastwirt und fragte diesen, wie ihm die Kirche gefalle. Seine ekklesiologisch toprichtige Antwort: „Isch net unsre Kirch‘! Isch die Kirch‘ von der Kirch‘!“ Genauso sehen diözesane Mitarbeitende den nun vorgelegten Zukunftsprozess, den der Bischof mit BOLD im Alleingang ausgeheckt hat: „Domkapitel, Konsistorium, Priesterrat, Dechantenkonferenz, Pastoralrat und Berufsgemeinschaften der PastoralassistentInnen und Diakone oder Ehrenamtliche z.B. Katholische Aktion wurden weder befragt noch informiert“, so ein Lagebericht aus der Diözese. Es ist nicht der Zukunftsprozess der
Diözese, sondern der Zukunftsprozess des Bischofs.
Ein solches ekklesiologisches No-go geschieht leider im Namen vermeintlich moderner Führungskultur. Hier liegt übrigens der Grund, warum selbst McKinsey bei den vielen Diözesanstrukturprozessen das theologische Latein ausgegangen ist.[2] 
Das Gottesvolk lebt von Menschen und nicht von Strukturen: ganz zu schweigen davon, dass
Gott viel Respekt vor dem Wirken seines Geistes in allen Kirchenmitgliedern durch einen Bischof verdient.

Bei Kritik: Absetzung und Auflösung

Schon als erste Details über den aufgesetzten Organisationsentwicklungsprozess bekannt wurden, wurde umgehend der Diözesanrat beim Bischof vorstellig und beklagte sich über den völlig intransparenten Alleingang des Bischofs. Die Auswirkungen waren: Der Diözesanrat wurde stillgelegt und kommt im neuen Organigramm gar nicht mehr vor. Dem Leiter der Pastoralen Dienste wurde inzwischen in jenem Brief, den der Bischof an alle Pfarren und Mitarbeitenden der Diözese schrieb, die Verantwortung zugeschoben, dass er den Konflikt provoziert und seine Mitwirkung an der Umsetzung des Prozesses verweigert hätte. Der Bischof hat Herrn Wimmer bis Ostern außer Dienst gestellt, um für ihn in dieser Zeit in einem gemeinsamen Gespräch eine neue Funktion zu suchen. Einen Großteil der Mitarbeitenden in der Diözese verwundert die im Brief zeitgleich allen kundgetane Dienstfreistellung des erübrigten  Direktors der Pastoralen Dienste sehr.
Kritik lässt sich aber nicht mit Dienstfreistellung, Absetzung und Auflösung aus der Welt schaffen. Solche Maßnahmen heben den Konflikt lediglich auf eine neue Eskalationsstufe, so der weise anerkannte Organisationsentwickler Friedrich Glasl (Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater, 1994).
Die Betroffenen haben bislang erstaunlich stillgehalten. Die Diözese, der sie zumeist schon lange und mit Herzblut dienen, sollte nicht neuerlich beschädigt werden. Aber hinter der schönen Fassade, die Martin Gebhart  von  Plänen des Bischofs in seinem Kurierbeitrag zeichnet, herrschen Chaos, Aufruhr und Zorn. Tiefe Enttäuschung hat sich breit gemacht. Inzwischen wurden der Kardinal, der Nuntius, andere österreichische Bischöfe aus der Diözese heraus informiert. Auch erreichen Bischof Alois Schwarz aus der Diözese zahlreiche Briefe.
Ohne Gespür für die Dynamik der Organisationen der Diözese wird von Bischof Schwarz gegen einen Großteil der engsten Führungskräfte ein neuer Strukturplan „aufgesetzt“. Der Bischof ist dabei, das wichtigste Kapital einer guten Amtsführung, nämlich Vertrauen, gänzlich zu verspielen. Vielleicht treibt den Bischof die Angst, dass sein nunmehriger Zukunftsprozess in St. Pölten ebenso im Sand verläuft wie sein Leitbildprozess in Kärnten.

Versetzen verändert nicht Handlungsweisen

Spätestens hier zeigt sich, dass es nicht viel bringt, ohne ersichtliche Veränderung der Handlungsmuster einen Bischof in eine andere Diözese zu versetzen. Das funktioniert nicht bei Personen, die Kinder sexuell missbrauchen, und nicht bei Bischöfen, die das Diözesanvolk – dem sie, so die mystische Theologie des Ostens, anvertraut sind – mit ihrem Machtstil „misshandeln“. Hier hilft nur, wie Max Friedrich von der Kinderpsychiatrie der Universität Wien mit Blick auf die Missbrauchstäter einst meinte, die alte Weisheit aus dem Bußsakrament:
„Du sollst die Gelegenheit zur Sünde meiden!“ Das gilt für Kindesmissbrauch, aber auch für Machtmissbrauch.
Ist es nicht ein Missbrauch von bischöflicher Macht, wenn gegen alle Lehre vom synodalen Wesen der Kirche die Neugestaltung der Diözese nicht von allen Betroffenen beraten und entschieden wird? Ist es nicht ein unzulässiger Einsatz von Amtsmacht, wenn Kritik mit Auflösung von Organisationen/Gremien und Absetzung von unbequemen Kritikern quittiert wird? Gegen solches Fragen hilft es nicht wirklich, wenn der so handelnde Bischof den „aufgesetzten“ Zukunftsprozess als Dienst an Gott und seinem Volk schönt. 
Es schmerzt, angesichts der Missachtung der Vertreter des Gottesvolks im Brief des Bischofs zu lesen: „Das Wichtigste in unserer Diözese sind die Gläubigen und deren gelebter Glaube.“

Aufarbeitung mit externer Kommission

Bischof Alois Schwarz hat noch sechs Jahre Zeit. Ohne substantielle Veränderungen ist sein derzeit geübter Amtsstil einer Diözese, die gerade schwierige Leidenszeiten hinter sich gebracht hat, schwer zumutbar. Es gibt bei den Verantwortlichen dringlichen Handlungsbedarf, und dies auch dann, wenn manche in Rom immer noch schützend die Hand über den Bischof halten. Das Mindeste, was eingerichtet werden muss, ist eine externe Kommission – also mit Teilnehmenden, die nicht aus Österreich und der eigenen Kirchenprovinz stammen.
Es ist dringlich, dass dieser veritable Konflikt im eigenen Haus der Kirche in konstruktiver interner Kommunikation, mit Beteiligung der Verantwortlichen in der Diözese, der Bischofskonferenz, dem Nuntius einer Lösung zugeführt wird. Diese höchst dringliche Kommission muss sich angesichts des Konflikts und des vorhersehbaren und sich bereits anbahnenden Aufruhrs im Kirchenvolk ein faires, pastoraltheologisch kompetentes Urteil bilden und Lösungen mit bindenden Konsequenzen vorschlagen. Bischof Schwarz könnte dem zuvorkommen, Größe und Stärke zeigen und an den Start zurückkehren, und einen wirklich synodalen Neuanfang wagen: Warum nicht hoffen?
Erst wenn beide Seiten sich in die Überlegungen und Emotionen der anderen Seite einfühlen können, kann endlich ein gemeinsamer Weg gegangen werden. Eskaliert aber der Konflikt weiter und wandert er auf der Eskalationsstufenleiter noch weiter nach oben, kann es am Ende nur Verlierende geben. Die letzte Stufe bei Friedrich Glasl heißt dann „gemeinsam in den Untergang“. Aber das kann doch in St. Pölten niemand ernsthaft wollen.
In diesem Jahr gedenken wir in besonderer Weise der Katholischen Soziallehre; deren Prinzipien, insbesondere das Prinzip der Personalität und Subsidiarität, gelten auch und in besonderer Weise für die Kirche selbst.
Hans Schelkshorn – Paul M. Zulehner

[1] Robert Neumann steht in Verbindung mit der Business School in St. Gallen. Die renommierte Universität St. Gallen legt Wert – so das Ergebnis einer Nachfrage – darauf, dass sie mit dieser Einrichtung nichts zu tun hat. Auf der Firmenhomepage kann man lesen: „BOLD steht im englischen Synonym für folgende Eigenschaften: #tapfer, #mutig, #frech